Das Mensch-Maschine-Duell

Die Börse schlägt mittlerweile Kurskapriolen, dass es dem Privatanleger eigentlich schwindelig werden muss – und er oft genug zu Fehlern verleitet wird. Wer ist schuld daran? Etwa wir selbst? Und wie kann man diesem Wahnsinn entkommen?
Falls Sie schon etwas länger an der Börse aktiv sind, erinnern Sie sich vielleicht noch an Friedhelm Busch. Der legendäre und inzwischen 87-jährige Moderator der Telebörse war der erste Fernsehjournalist, der sozusagen mit Aktien berühmt wurde. Noch heute habe ich Worte im Ohr wie: „Veba Tagesgewinner mit 0,7 Prozent plus.“ Oder: „Nixdorf rauscht um 1,4 Prozent in die Tiefe!“
Ich will aber jetzt weder ein Loblied auf Busch trällern noch wie die „alten Leute“ von früher schwelgen, als angeblich alles besser war. Mir geht es um eine massive Veränderung der Kursausschläge, selbst bei großen Standardwerten. 0,7 Prozent Plus sind heute keine Nachricht mehr wert. Und wenn Aktien „in die Tiefe rauschen“, dann niemals nur um 1,4 Prozent. Zweistellige Kurskapriolen rauf und runter – das ist unsere heutige Welt!
Was ist los mit der Börse und uns Anlegern? Sind wir durchgedreht, dass wir Unternehmen massenhaft an einem Tag zehn Prozent mehr oder weniger wert sein lassen als am Tag davor? Ich kann Sie beruhigen: Nicht wir sind so extrem geworden. Es sind vor allem die Algorithmen und künstliche Intelligenz, die diese Kurs-Achterbahn auslösen. „Algo-Trading“ steht heute für 70 Prozent des gesamten Börsenhandels.
KI kann blitzschnell komplette Geschäftsberichte auswerten und reagiert prompt. Selbst wenn sie nur bei der Wortwahl oder beim Tonfall eine minimale positive Abweichung zum vorherigen Quartal erkennt, wird sich sofort auf die Aktie gestürzt, als gäbe es morgen keine mehr. Oder aber sämtliche Algorithmen wollen mit aller Macht zur gleichen Millisekunde raus. Dann muss der Kurs ja abstürzen.
Ändern können wir daran nichts – wohl aber unseren Umgang damit regeln. Sprich: den Wahnsinn einfach nicht mitmachen! Wenn Sie ständig den Geschehnissen hinterherhetzen, kostet es Sie nicht nur viele Nerven, sondern auch Geld. Erstens sind Sie sowieso langsamer als die Maschinen – müssen also höher kaufen oder tiefer verkaufen – und zweitens wissen auch die Algorithmen nicht, was die Kurse morgen oder kommendes Jahr machen. Oft sind sogar genau sie es, die beim nächsten anders gesetzten Komma die Aktien wieder in die gegenteilige Richtung peitschen …
Entscheidend ist jedoch ganz allein, ob ein Unternehmen in zehn Jahren mehr verdient als heute. Wenn, dann wird auch der Kurs höher stehen – unabhängig von den Schwankungen zwischendurch!

Newsletter vom 02.September 2026
Joachim Brandmaier – Börsenpraktiker
Stuttgarter Aktienbrief „Börse Aktuell“
Zum Newsletter anmelden